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23.07.2009: der späte Sonnwendsturm

July 26, 2010 04:40PM
Inhalt

0. Prolog
1. Die Sonnwendstürme
2. Die Bühne
3. Der Schlüssel
4. Das Vorspiel
5. Tennisbälle
6. Apokalypse
7. Epilog


0. Prolog

„Heute Vormittag rief ich unseren Gärtner an und sagte: Ich habe wieder einen Auftrag für Sie, aber dieses Mal müssen Sie die Bäume nicht fällen, sondern nur wegräumen...“
- aus einem Posting unter einem Presse-Artikel

„Klirrende Fensterscheiben, gespenstische Tageshelle und knickende Bäume. Wien hat in der Nacht ein seltenes Wetterereignis erlebt.“
- Teaser zu einem ORF-Artikel am Tag danach


1. Die Sonnwendstürme

Jeweils in den letzten Junitagen 2006, 2007 und 2008 zogen gewaltige Gewitterstürme über Wien hinweg. Betrachtet man die zugrunde liegende Wetterlage, dann sticht in all diesen Fällen sofort ein sehr ähnliches Muster ins Auge:

27.06.2006 28.06.2006 29.06.2006
21.06.2007 22.06.2007 25.06.2007
24.06.2008 25.06.2008 26.06.2008

Die Frontalzone verlief an diesen Tagen südlicher als normal und wurde über Westeuropa durch einen Langwellentrog noch weiter südwärts ausgelenkt, sodass sich eine ausgeprägte Westsüdwestströmung über Mitteleuropa ergab. Südlich dieser Frontalzone standen sehr warme bis heiße Luftmassen aus dem Mittelmeerraum bereit.

Eine ausschlaggebende Rolle für die Entstehung von schweren Gewittern bilden bei dieser Wetterlage die Alpen. Die mächtige Heißluftblase, die sich über den hochliegenden Heizflächen der Alpen tagsüber aufbaut, wird mit der Höhenströmung ostnordostwärts geführt und bildet als abgehobene Mischungsschicht (englisch „elevated mixed layer“) einen markanten „Deckel“ über dem nördlichen Alpenvorland, der vorerst jegliche Konvektion unterdrückt. Der unterbundene vertikale Austausch ermöglicht gleichzeitig jedoch unter dem Einfluss ungestörter Sonneneinstrahlung und laufender Verdunstung den Aufbau einer extrem energiereichen Grenzschicht im Alpenvorland. Erst aus Westen eindringende Konvergenzlinien oder Kaltfronten können diese Luftmasse bis über den „Deckel“ hieven und die große Labilitätsenergie freisetzen.
Insgesamt ähnelt diese „loaded gun situation“ auch den Unwetterlagen in den amerikanischen Great Plains: Hier wird die abgehobene Mischungsschicht aus den Alpen über das Alpenvorland geführt, dort aus den Rocky Mountains über die Plains; die Feuchtigkeit unter diesem Deckel, die in den USA rasch und effizient vom Golf von Mexiko herantransportiert werden kann, muss hierzulande vergleichsweise mühsam durch permanente Verdunstung lokal erzeugt werden; und die Grenze zwischen Südföhn in den Alpentälern und Taleinwind (Nordostwind) im Alpenvorland wäre das kleine Alpen-Analogon zur amerikanischen „Dryline“.
Diese Ausgangslage ermöglicht nicht nur den Aufbau sehr hoher Labilitätsenergie und stellt einen Auslösungsmechanismus für Konvektion bereit, sondern der vorderseitige Nordostwind im Alpenvorland erhöht auch noch die vertikale Windscherung zur kräftigen Höhenströmung. Auch die dritte „Zutat“ für schwere Gewitter wird also mit Hilfe der Alpen bereitgestellt. Tatsächlich besitzen die ersten Gewitterzellen an solchen Tagen ein hohes Potenzial, sich zu Superzellen zu entwickeln und vor allem großen Hagel zu bringen. In einem späteren Stadium, wenn die Konvergenzlinie oder Kaltfront aus Westen eingreift und sich die Gewitter in eine ost- bis nordostwärts ziehende Linie umwandeln, wird der Sturm zur Hauptgefahr. Der Dipol im Bodendruckfeld aus einem Leetief („Föhntief“) vor der Front und einer beginnenden Staunase weiter westlich führt nämlich dazu, dass Konvergenzlinien und Kaltfronten am Alpennordrand fast immer beschleunigt werden – spätestens dann, wenn auch noch Gewitterbildungen mit ihrem plötzlichen Druckanstieg beteiligt sind. Dieses Phänomen kehrt so häufig wieder und ist so bedeutend vor allem für die Luftfahrt, dass es in Österreich einen eigenen Namen erhalten hat: eine „Druckwelle“. Das Konvektionsmaximum am Nachmittag führt dazu, dass die daraus resultierenden Druckwellen bevorzugt in den Abendstunden im Wiener Raum ankommen, wo der Kanteneffekt am Wienerwald die Windgeschwindigkeit und vor allem die Böigkeit noch weiter erhöht.

Jedenfalls waren diese „Sonnwendstürme“, wie ich sie in meinem Bestreben markante Namen zu finden getauft habe, unvergessliche Erlebnisse: gewaltige schwarze Wolkenwände zogen auf, ein Böenkragen spannte sich von Horizont zu Horizont und ein Vorhang aus Fallstreifen wälzte sich über den Wienerwald herein, bis schließlich Sturm- oder sogar Orkanböen den Regen und Hagel mehr waagrecht als senkrecht durch die Stadt peitschten. Kaum jemals hatte ich früher ähnlich beeindruckende Gewitter erlebt – wohl mochte es sie gegeben haben, aber nur in seltenen Einzelfällen und nie mit einer solchen Regelmäßigkeit und vor allem nie in solchen mehrtägigen Serien wie in diesen Junitagen 2006, 2007 und 2008. Dass der Himmel an solchen Tagen durch den starken Deckel vor den Gewittern oft nur gering bewölkt oder sogar wolkenlos ist, erhöht deren Reiz noch weiter.
Allerdings waren diese Gewitter nicht nur spektakulär anzusehen, sondern richteten auch enorme Schäden an und zeigten mitunter die Unzulänglichkeiten des Warnmanagements in Österreich auf. Trauriger Höhepunkt ist natürlich der Gewittersturm vom 21. Juni 2007, der 3 Todesopfer und mehr als 80 Verletzte in Wien und seinen Vororten forderte. Dass die Orkanböen damals dem Niederschlag um einige Kilometer voraus eilten und bei noch recht harmlos wirkendem Gewölk über die Stadt hereinbrachen, war neben der nachmittäglichen Verkehrsspitze sicherlich ein Mitgrund für diese hohe Opferzahl. Mehr Schutzengel standen bereits am nächsten Tag, dem 22. Juni 2007, bei, als das Unfassbare geschah und wieder eine Gewitterlinie mit Bogenecho auf fast gleicher Zugbahn auf Wien zusteuerte, während sich bereits 700.000 Menschen am Donauinselfest oder zumindest auf dem Weg dorthin befanden. Natürlich war es zu spät, den ersten Tag dieses größten europäischen Open-Air-Festivals noch abzusagen, aber immerhin wurden die Musikprogramme auf allen Bühnen gestoppt und die Besucher aufgefordert, möglichst sichere Plätze aufzusuchen. Es ging alles glimpflich ab, als die Gewitterlinie gegen 18 Uhr leicht abgeschwächt, aber noch immer mit Windspitzen von 100 km/h und 2 cm großem Hagel über Wien und die Donauinsel hereinbrach.
Nur knapp an einer Katastrophe vorbei ging auch der 25. Juni 2008, dessen Ereignis als das „Fanzonen-Gewitter“ Eingang in die hiesigen Meteorologenkreise gefunden hat. Damals brach das Unwetter gegen Ende des ersten Halbfinalspiels der Fußball-EM (Deutschland vs. Türkei) über Wien herein und wurde insofern in die weite Welt exportiert, als auch das Übertragungsgebäude der UEFA beschädigt wurde und die TV-Bildschirme minutenlang schwarz blieben, bis auf das Ersatzsignal aus der Schweiz ausgewichen werden konnte. Sturmböen von 110 km/h, Starkregen und Hagel erzwangen damals die Räumung der Fanzone vor dem Wiener Rathaus, die von etwa 30.000 Menschen bevölkert war. 9 Personen wurden damals schwer verletzt – eine Bilanz, die angesichts der minutenschnellen Räumung des Platzes unter solchen Wetterumständen wie ein Wunder wirkt und sehr für die Disziplin der Besucher wie auch der Ordner spricht, und dennoch wäre jeder einzelne Fall vermeidbar gewesen, wenn die Evakuierung in Ruhe gleich nach Eintreffen der rechtzeitigen Unwetterwarnung erfolgt und nicht nach dem typisch österreichischen Motto „es wird schon nichts passieren“ hinausgezögert worden wäre, bis tatsächlich die ersten Böen einfielen.
Die Folgen dieser „Sonnwendstürme“ waren also mitunter katastrophal, und die Konsequenzen beschränkten sich nicht nur auf die Meteorologenwelt, sondern eröffneten auch darüber hinaus ein bisher nicht gekanntes Bewusstsein über Unwetter und das zugehörige Warnmanagement. So gesehen haben diese Gewitterstürme vermutlich stärkere und weiter reichende Auswirkungen gehabt als irgendein anderes Wetterereignis der (zumindest jüngeren) Vergangenheit und die zugrunde liegende Wetterlage mit Fug und Recht als die gefährlichste Sommerwetterlage überhaupt nicht nur für Wien, sondern auch überregional für viele andere Teile Österreichs gebrandmarkt.

Die konvektive Saison 2009 war schwach angelaufen, aber wann immer das jemand feststellte, hieß es als Antwort sinngemäß: „Warte nur, die letzten Junitage kommen erst!“ – und jeder wusste, was gemeint war. Nach nur drei Jahren hatten sich die „Sonnwendstürme“ schon beinahe den Rang einer Tradition erarbeitet.
Die letzten Junitage 2009 zogen ins Land, und die Atmosphäre zauberte diesmal etwas völlig Anderes aus dem Hut, nämlich ein Balkantief mit einer veritablen Hochwasserlage (auch das ist inzwischen eine fast jährliche Geschichte, allerdings eine andere…), gefolgt von einer langen gradientschwachen Periode mit schwülwarmer Luftmasse und vielen Gewittern, die zwar den Konvektionsfreund mit der Sommersaison versöhnen konnten, allerdings nie auch nur annähernd jene Wucht und Dramatik entfalteten, wie man sie von den „Sonnwendstürmen“ gewohnt war. Allerdings könnte die massive Beregnung und daraus folgende Sättigung der Böden indirekt den Zündstoff bereitet haben für Ereignisse, die genau einen Monat später folgten – denn dann baute sich plötzlich eine zyklonale Westsüdwestlage auf, die nicht nur an ihre großen Vorgänger erinnerte, sondern diese sogar noch in den Schatten stellen sollte.


2. Die Bühne

An der Vorderseite eines westeuropäischen Langwellentroges setzte ab 21. Juli 2009 der Zustrom heißer Luftmassen aus dem Iberischen Raum ein. Der Höhepunkt der kurzen Hitzewelle würde am 23. Juli erreicht werden, gefolgt vom Durchzug einer ausgeprägten Kaltfront aus Westen in den Abendstunden.



Das Potenzial für eine große Gewitterlage an der Alpennordseite war dabei sehr hoch. Ob die Gewitter dann auch tatsächlich im Stile der großen „Sonnwendstürme“ bis Wien vorankommen würden, war allerdings noch lange nicht sicher; bei zu starker Südkomponente der Höhenströmung neigen sie nämlich dazu, schon vorher nordostwärts nach Tschechien hinauszuziehen beziehungsweise von Vornherein schon zu weit nördlich zu entstehen. Die Position der Dryline zwischen dem Südföhn in den Alpentälern und dem Nordostwind im Alpenvorland ist ein wichtiger und verlässlicher Indikator für die zu erwartenden Entstehungsgebiete und damit für die Südgrenze der Gewittertätigkeit – wo der Südföhn bis in die Täler durchbricht und die Luft abtrocknet, sinken die Gewitterchancen drastisch. Bei viel Dynamik und einer starken Südkomponente der Höhenströmung greift der Südföhn in den meisten Alpentälern, im Extremfall sogar ein Stück bis ins Alpenvorland hinaus durch. Auch eine trockene Vorgeschichte kann die Dryline indirekt weiter nach Norden Richtung Alpenvorland verlagern, indem weniger solarer Strahlungsinput in die Verdunstung und mehr in den fühlbaren Wärmefluss gesteckt wird, was das Durchbrechen des Föhns erleichtert.
Insofern ist es zwar ein Zufall, dass diese großen Gewitterlagen in den Jahren 2006 bis 2008 so verlässlich zur Zeit des Sonnenhöchststandes auftraten, aber kein Zufall, dass dies recht früh im Sommer geschah, wenn die Sonneneinstrahlung maximal, die Bodenfeuchtigkeit noch ausreichend hoch und die Frontalzone noch genug ausgeprägt und genug weit südlich positioniert ist. Bei „ungünstigeren“ Randbedingungen finden sich in der Vergangenheit deutlich mehr Fälle, an denen sich die Gewitter schon vorzeitig vom Alpenrand ablösten und in Wien nur noch eine trockene Druckwelle zwar mit Sturmböen, aber ohne Niederschlag übrig blieb. Was würde diesmal passieren?

Am Vorabend des Ereignisses, am 22. Juli, trat ich die Diskussion über unseren Email-Verteiler los:

„Morgen (Do.) Abend sind mit Durchgang einer Konvergenzlinie bzw. eines darüberlaufenden mächtigen PVA-Maximums schwere Gewitter an der Alpennordseite zu erwarten. Die meisten Modelle lassen die Aktivität am späteren Nachmittag am bayrischen Alpenrand starten und dann unter rascher Intensivierung über Oberösterreich und das Waldviertel Richtung Tschechien ziehen; lediglich die Lokalmodelle (ALADIN und IM) haben in manchen der jüngsten Läufe auch ein Vordringen der Gewitter bis in den Wiener Raum gezeigt.
Jedenfalls werden sowohl die Labilitätsenergie (1500-2000 J/kg) als auch die vertikale Windscherung (bis zum Abend Zunahme der Höhenströmung aus WSW bis auf 50 Knoten) äußerst hoch sein. Im Frühstadium der Gewittertätigkeit und generell am Südrand sind also durchaus Superzellen möglich, bevor sich die Gewitter zu einer Linie umbilden.
Mit Durchzug der Druckwelle, die in Wien um etwa 22 Uhr Lokalzeit zu erwarten ist, sind Windspitzen um 100 km/h wahrscheinlich; sollten die Gewitter tatsächlich bis in den Wiener Raum vordringen, halte ich hier sogar Orkanböen für möglich. Das Setup steht den größten Gewitterstürmen der Vergangenheit, etwa dem 21./22.06.2007 und 25.06.2008, kaum nach!
(…)“


Als das möglicherweise größte Unwetterereignis des Jahres wurde die Lage in der Folge recht lebhaft diskutiert, wobei weitgehende Einigkeit bestand, dass die Situation zwar für die Alpennordseite böse aussah, im Wiener Raum hingegen der Durchgang einer trockenen Druckwelle wahrscheinlicher war – ich selbst tendierte mit 60:40 zugunsten einer trockenen Druckwelle und war damit noch „optimistisch“. Und doch war allen die Gefährlichkeit der Situation bewusst, vor allem angesichts der Sturmereignisse aus vergleichbaren Ausgangslagen in den vergangenen Jahren.

Während für die Medien am 23. Juli, dem mutmaßlich heißesten Tag des Jahres, der „Wettlauf“ der Temperaturen das größte Thema war – wo war es bereits wie heiß? wo würde der Hitzepol sein? wie hoch würden die Temperaturen noch steigen? – war für die Meteorologen aus den oben erwähnten Gründen auch die Föhnsituation hintergründig interessant.
Weiter im Westen, wo die südwestliche Höhenströmung ihr Maximum erreichte, war der Föhn bald auf dem Vormarsch. So erlebte etwa Innsbruck schon vormittags einen bemerkenswerten Föhndurchbruch mit Windspitzen bis 92 km/h am Flughafen, und auch sonst setzte sich der Föhn in Westösterreich und Oberbayern vielerorts bis in die Täler durch. Erstaunlich ist der Münchner 12z-Temp, der starken Südwestwind bis fast zum Boden und einen sehr tiefen Taupunkt zeigte:



Es schien, dass sich sogar hier die Föhnluft – vermutlich unterstützt durch ein Wellental der atmosphärischen Leewellen – bis zum Boden durchsetzte; die 3 Kilometer mächtige trockenisentrope Grenzschicht ist jedenfalls höchst beeindruckend! Die meisten Stationen rundherum meldeten allerdings deutlich höhere Taupunkte und keinen auffälligen Wind, sodass das Münchner Sounding nicht unbedingt repräsentativ für weite Teile des bayrischen Alpenvorlandes gewesen sein dürfte.
So komplex und schwer durchschaubar das Windfeld also im Westen war, so einfach präsentierte es sich weiter im Osten: östlich von Salzburg fanden sich an keiner einzigen Station mehr Föhnsignale, obwohl die Temperaturen wie erwartet in einem Streifen von Salzburg bis zu den niederösterreichischen Voralpen auf Maxima über 35°C stiegen. Als Waidhofen an der Ybbs (Niederösterreich) die österreichweite Höchsttemperatur von 37.9°C meldete, lag der Taupunkt bei 19°C, und der Wind zeigte keinerlei Föhnanzeichen. Im Alpenvorland stiegen die Taupunkte bis zum Nachmittag verbreitet auf 20 bis 23°C an, und diese extrem energiereiche Luftmasse sickerte mit dem Nordostwind auch noch ein gutes Stück bis in die Alpentäler ein. Die höchsten Taupunkte betrugen vorübergehend sogar 25°C, gemessen in Kremsmünster (Oberösterreich) und Wachtberg (Niederösterreich) bei jeweils 33°C Lufttemperatur. Ich selbst war an diesem Tag dienstlich in den niederösterreichischen Alpen unterwegs, und schien es bereits in den Alpentälern sehr heiß und schwül zu sein, so erschlug einen die Schwüle förmlich, sobald man wieder ins Alpenvorland zurückkehrte. Es war die energiereichste Luftmasse, die jemals in den Stationsmeldungen zu sehen war, gedeckelt durch die darüber strömende abgehobene Mischungsschicht, die auch noch weiter östlich das beherrschende Merkmal des Wiener 12z-Aufstiegs war:



Im 850hPa-Niveau lag die Temperatur laut diesem Aufstieg bei 24.0°C. In dem bis 1974 zurückreichenden Radiosonden-Archiv, das mir vorliegt, ist das der dritthöchste jemals gemessene Wert und der höchste, der um 12 UTC aufgetreten ist. Die höchsten 850hPa-Temperaturen werden über Wien nicht etwa während längerer sommerlicher Hochdrucklagen erreicht, sondern während kurzer Hitzeschübe mit Südwestströmung, die die von den Alpen erzeugte Heißluftblase bis über den Wiener Raum führen. Dieser Vorgang dauert üblicherweise 6 bis 12 Stunden, was das auf den ersten Blick vielleicht paradox wirkende Auftreten der höchsten 850hPa-Temperaturen bevorzugt zum 00z-Termin erklärt. Der höchste Wert von 25.0°C wurde um 00 UTC am 12. Juli 1984 gemessen während eines solchen Hitzeschubes, der schließlich in dem berühmten Münchner Hagelunwetter endete.
Die Modellprognosen und die Erfahrung aus früheren Fällen legen nahe, dass die 850hPa-Temperatur im Verlauf des Nachmittags noch auf 26°C, wenn nicht sogar 27°C angestiegen sein dürfte und folglich mit Leichtigkeit diesen Rekord gebrochen hätte, wenn die Gewitter nicht vor 00 UTC hereingebrochen wären. Solche Überlegungen hinken allerdings insofern, als die Gewitter oder zumindest deren Druckwellen am Ende solcher kurzen Hitzeschübe bevorzugt zwischen Sonnenuntergang und Mitternacht in Wien eintreffen; es mochte also bereits andere Fälle gegeben haben, in denen die 25°C-Marke in 850hPa kurzzeitig überschritten worden war, ohne dass sich das im folgenden Mitternachtsaufstieg noch niederschlug.
Ein ähnlicher Föhndurchbruch wie in München (was natürlich absolut unrealistisch war) hätte die Temperatur in Wien auf knapp 40°C getrieben. So lag das Temperaturmaximum – übrigens ebenso wie an den besagten Julitagen 1984 – jedoch „nur“ bei 33°C, da die bodennahe Erwärmung trotz des überwiegend wolkenlosen Himmels nicht mit dem extrem raschen Temperaturanstieg in 850hPa mithalten konnte und zusätzlich durch den kräftigen Südostwind, der etwas kühlere Luft aus Ungarn heranführte, gebremst wurde.
Vom Temperaturverlauf in der unteren Troposphäre wirkte der Wiener 12z-Aufstieg also geradezu winterlich. Das schlug sich auch in der „Convective Inhibition“ von über 400 J/kg nieder, die für eine Auslösung von Konvektion erst überwunden werden müsste. Das ist der höchste CIN-Wert, an den ich mich jemals in Mitteleuropa zurückerinnern kann.

Die Signale waren also selbst nach Vorliegen der Daten von 12 UTC noch widersprüchlich: Einerseits gab es, wie erwähnt, östlich von Salzburg keinerlei Anzeichen von Föhn, und auch die Wiener Radiosonde zeigte strammen Westwind in der mittleren und oberen Troposphäre, sodass entstehende Gewitter tatsächlich genau einen Ostkurs einschlagen und die gesamte Alpennordseite abgrasen dürften. Dem gegenüber standen einerseits das komplexe Windfeld mit teilweisen Föhndurchbrüchen in Bayern, das es unsicher machte, ob sich dort überhaupt Gewitter entwickeln könnten, und andererseits der Richtung Osten zunehmend gewaltige Deckel, an dem bestehende Gewitter früher oder später zerbrechen würden. Der Vorschlag von der Mehrzahl der Prognosemodelle, die die Niederschläge allmählich nordostwärts Richtung Tschechien verschmierten und eine heftige, aber trockene Druckwelle für Wien zeigten, schien also noch immer die plausibelste Lösung zu sein.

Rückblickend begann die Situation eine Stunde später, um etwa 15 Uhr Lokalzeit, zu kippen, als über Bayern etwas Erstaunliches geschah: Noch ohne Gewitterbildungen setzte sich plötzlich die zuvor stationäre Konvergenzlinie ostwärts in Bewegung. Offenbar war der Druckgradient zwischen dem präfrontalen Föhntief und der aus Westen hereinrückenden Staunase so übermächtig geworden, dass er spontan und nicht, wie zumeist gewohnt, erst mit Bildung der ersten Gewitter zusammenbrach. Das könnte man zumindest im „Hindcast“ als ein weiteres Indiz für das enorme Sturmpotenzial werten, das dieser Tag bot. Kräftiger Nordwestwind ergoss sich nun über das bayrische Alpenvorland, war jedoch mit nur geringer Abkühlung verbunden, pumpte die feuchtwarme Alpenvorlandluft zurück bis an den Alpenrand und verwischte sämtliche Föhnsignale von zuvor.
Eine Stunde später, um 16 Uhr, bildeten sich erste Gewitter an der Stirn des Nordwestwindes im Osten Bayerns und zogen unter allmählicher Intensivierung ostwärts nach Tschechien und Oberösterreich herein. Um 18 Uhr tauchte der erste Amboss am Westhorizont des zuvor wolkenlosen Wiener Himmels auf und begann sich über den gesamten Nordwestsektor auszubreiten.


3. Der Schlüssel

Zu dieser Zeit traf ich in Wien ein und folgte unverzüglich meinem Programm: Gepäck zu Hause abliefern, Fotoausrüstung, Laptop, Regenschutz und etwas Proviant einpacken, zum Haus der Eltern fahren und deren Auto ausborgen. Ich wollte unbedingt ein Stück aus der Stadt hinausfahren zu einem Aussichtspunkt, der einerseits schön dem kommenden Sturm ausgesetzt war und andererseits einen ungestörten und dunklen Blick nach Westen und Norden bietet für den Fall, dass die Gewitter tatsächlich vorbeiziehen würden. Bei der zu erwartenden enormen Blitzaktivität errechnete ich mir gute Chancen, aus der richtigen Distanz stratosphärische Blitze („blue jets“ und „red sprites“) zu beobachten, von denen ich seit meiner ersten Sichtung zehn Jahre zuvor unheimlich fasziniert war.
Leider hatten abgesehen von Chris, der unterwegs aufspringen würde, die meisten meiner Chasing-Kollegen keine Zeit, waren im Urlaub oder noch immer nicht überzeugt genug von der Lage, sodass ich diesmal selber fahren musste. Gegen 19 Uhr kam ich völlig durchgeschwitzt beim (urlaubsbedingt verwaisten) Elternhaus an, wollte die Türe aufsperren, scheiterte, bemerkte dass entgegen der Gewohnheit auch das Zweitschloss versperrt war, wollte das Zweitschloss aufsperren und scheiterte erneut. So oft ich es auch probierte, mein seit Jahren nicht mehr verwendeter Schlüssel für das Zweitschloss funktionierte nicht mehr.

Es traf mich wie ein Keulenschlag. Die Vorstellung, dass das beste Gewitter des Jahres, wenn nicht sogar das beste seit vielen Jahren in perfekter Entfernung vorbeiziehen würde und ich keine stratosphärischen Blitze sehen könnte, weil ich an die lichtverschmutzte Stadt gefesselt war, ließ mir tatsächlich beinahe die Tränen kommen. Ich ärgerte mich unsagbar über den Schlüssel, dass er ausgerechnet an so einem wichtigen Tag seinen Dienst versagte, über meine Eltern, dass sie ausgerechnet diesmal doppelt zugesperrt hatten (was sie, objektiv gesehen, eigentlich immer machen sollten) und am allermeisten über mich selbst, dass ich das ohnehin unbenützte Auto nicht schon vor ihrer Abreise bei mir eingeparkt hatte. Ich überlegte kurz, von wem ich mir sonst ein Auto ausborgen könnte, und verwarf die Idee wieder, weil ich auf die Schnelle niemanden in der Nähe fand, der das Auto nicht selber verwendete. Dann überlegte ich, ob ich nicht mit dem Fahrrad noch rechtzeitig einen Aussichtspunkt außerhalb der Stadt erreichen könnte, und verwarf auch das wieder wegen des drohenden Sturms. Außerdem drängte inzwischen die Zeit, die Gewitter schienen eher noch vor der erwarteten Zeit um 22 Uhr einzutreffen.
Schließlich fügte ich mich meinem Schicksal, benachrichtigte Chris über die schlechten Neuigkeiten, machte mich auf den Weg zum erstbesten Hügel im Westen Wiens, der nicht nur eine gute Aussicht, sondern sicherheitshalber auch einen Unterstand bietet, und richtete mich dort für einen Abend ein, an dem nur lange Telefonate mit Kollegen die Einsamkeit dieses Gewittererlebnisses lindern konnten.
Normalerweise bleibe ich ziemlich ruhig, wenn mir etwas widerfährt, das ich im ersten Moment nicht verstehen oder gutheißen kann, weil ich es schon oft genug erlebt habe, dass sich mir der Sinn oder Nutzen von bestimmten Erlebnissen oder Tätigkeiten erst im Nachhinein erschließt (oder dass man sich zumindest im Nachhinein einen Sinn oder Nutzen selber einreden kann, was ja auch nicht schlecht ist ;)). Diesmal hatte ich keinerlei Hoffnung, jemals irgendetwas Positives darin zu erkennen. Und doch sollten mich die Ereignisse eines Besseren belehren – denn nicht nur wäre jede Autofahrt bei den Verhältnissen, die sich an diesem Abend noch einstellen sollten, höchst gefährlich gewesen, sondern ich hätte auch kaum sonst wo das dräuende Unwetter so intensiv erleben können wie auf meinem Aussichtshügel. Und das ist es, was mein ansonsten völlig belangloses Schlüsselerlebnis (man verzeihe mir dieses mittelmäßige Wortspiel) hier überhaupt erwähnenswert macht.


4. Das Vorspiel

Steigen wir also wieder in die Wetterentwicklung ein:





Die Niederschlags- und Windanalyse von 18 Uhr Lokalzeit (oben) zeigt die Konvergenzlinie mit Windsprung auf Nordwest und einer Handvoll zunehmend heftiger Gewitter über Oberösterreich; weiter westlich im „Niemandsland“ zwischen Konvergenzlinie und Kaltfront sieht man anhaltenden Nordwestwind in Bayern, der am beständigen Rücktransport der Feuchte bis zum Alpenrand arbeitete. Um 19 Uhr (darunter) hat die Konvergenzlinie auch schon auf das westliche Niederösterreich übergegriffen, wobei das Windsignal schwächer geworden ist.



Der Durchgang dieser Linie (oben in einem NOAA-Satellitenbild von 18:56 Lokalzeit dargestellt) musste eine kurze, spannende und auch verwirrende Geschichte gewesen sein: Aufquellende Wolkengebirge, vorübergehend Westwindböen von 70 bis 80 km/h, ein kurzer Regenguss, ein paar Hagelkörner und gleich anschließend wieder ein Regenbogen und ungetrübter Sonnenschein bei nur unwesentlich tieferen Temperaturen. Und über allem hing die Frage: War das schon alles, oder würde danach noch mehr kommen? Faszinierende Fotos gibt es von einigen Skywarn-Mitgliedern, etwa hier (in chronologischer Reihenfolge):

Wels (Oberösterreich)
St. Florian bei Linz (Oberösterreich)
Haag (Niederösterreich)
Melk (Niederösterreich)
Krems (Niederösterreich)

Offensichtlich konnten sich also bereits die Gewitterzellen dieser ersten Staffel zu Superzellen entwickeln, auch wenn man den Aufwindschloten auf ihrem Weg nach Osten das Kämpfen gegen den immer stärkeren Deckel ansehen konnte. Lediglich über dem niederösterreichischen Waldviertel, etwa 80 Kilometer nordwestlich von Wien, entwickelte sich eine der Zellen vorübergehend besonders kräftig und gab um 19:30 mit kurzzeitig bis zu 7 cm großem Hagel in Lichtenau (Quelle: Spottermeldung an Ubimet) und ersten Sturmschäden im Raum Krems einen Vorgeschmack, was heute noch alles möglich war.



So sah die aufziehende Linie von meinem Standort um 19:47 aus. Die starke Waldviertel-Zelle verbarg sich hinter den dunkelgrauen Wolken im rechten Bildteil; ab und zu waren dort Blitzschläge aus dem Amboss sichtbar, ohne dass ich Donner hören konnte. Die Absenkung links der untergehenden Sonne ist eine südlich anschließende Zelle, die noch tapfer aber aussichtslos gegen den übermächtigen Deckel ankämpfte. Eine laminare Rollcloud markiert die Vorderkante des Westwindes, der die feuchtwarme Luft hebt, ohne sie über die Inversion bis zum „Level of free convection“ befördern zu können.









Die Rollcloud rotierte sehr schnell um eine horizontale Achse und veränderte sich stetig. Die Bilder oben sind im Zweiminutenabstand von 19:52 bis 19:58 aufgenommen worden.



Um 20:03, zeitgleich mit der Auflösung der Rollcloud, konnte auch die südliche Gewitterzelle ein letztes Mal ihren Aufwindbereich verstärken, bevor sie ihre Superzellen-Merkmale endgültig verlor und ebenso wie ihre nördlichen Mitstreiter rasch an Kräften einbüßte.



Um 20:06 sprang der Wind an meinem Standort von Südost auf West um und frischte binnen weniger Minuten auf Böen von etwa 70 km/h auf, um ebenso rasch wieder zu einem lauen Lüftchen nachzulassen. Die Temperatur war um wenige Grad gesunken, aber der Taupunkt war fühlbar immer noch der gleiche, wenn nicht sogar höher als vorher. Die Amboss- und Altocumulusreste dieser ersten Gewitterstaffel zogen nun über mich hinweg, weiter nördlich waren noch ausdünnende Fallstreifen sichtbar. Die Blitzaktivität hatte aufgehört.
Es verwunderte mich nicht, dass die Konvergenzlinie auf ihrem Weiterweg nach Osten immer mehr an Kraft verloren hatte. Das Zentrum des Leetiefs war zuvor mit einem Kerndruck von 999hPa im Grenzgebiet zwischen Ober- und Niederösterreich gelegen; seither hatte die Linie also schon wieder mehr als 100 Kilometer gegen steigenden Luftdruck (der in Wien nun 1002hPa betrug) und östlichen Bodenwind zurückgelegt. Sie kam gerade noch bis nach Wien voran und versandete dann unauffällig.

Interessant ist die Frage, welche Labilitätsenergie die bevorstehenden Unwetter zur Verfügung hatten. Um 12 UTC war der kritische Bereich der Luftmasse zwischen den Radiosondenstandorten von München und Wien „durchgeschlüpft“. Der Münchner 12z-Temp hatte aufgrund des Föhndurchbruchs eine CAPE von kaum über 200 J/kg gezeigt. Im Wiener Aufstieg waren es ebenfalls recht bescheidene 700 J/kg, da sich der Taupunkt von 21°C noch auf eine sehr dünne Schicht unmittelbar am Erdboden beschränkt hatte. Dazwischen zeigten die GFS-Vorhersagen über Oberösterreich und dem angrenzenden Bayern nachmittags ein CAPE-Maximum bis über 2500 J/kg, das insofern realistisch wirkt, als die vorhergesagten Taupunkte recht gut mit den gemessenen übereinstimmten und auch das Bodenwindfeld im Bereich des Leetiefs sehr konvergent war, was die energiereiche Grenzschicht zusammenzieht, vertikal mächtiger macht und das turbulente Herausmischen der Feuchtigkeit weiter verringert (in Englisch gibt es dafür den hübschen Begriff des „moisture piling“, also des „Anhäufens“ von Feuchtigkeit in der Grenzschicht).
Glücklicherweise wird neuerdings in Wien auch um 18 UTC (20 Uhr Lokalzeit) ein Radiosondenaufstieg durchgeführt, sodass die Luftmasse an der Konvergenzlinie doch noch einigermaßen repräsentativ „gesampled“ werden konnte:



Einerseits hat die Höhenströmung gegenüber dem Mittagsaufstieg weiter zugelegt, und andererseits haben der Taupunkt und damit der Energiegehalt der Grenzschicht deutlich zugenommen, was eine Labilitätsenergie von bereits 1700 J/kg ergibt. Insgesamt wäre das bereits ein ziemlich alarmierender Unwetter-Temp, wenn nicht noch immer die abgehobene Mischungsschicht mit einer CIN von mehr als 400 J/kg im Weg stünde.
Das richtig markante „moisture piling“ setzte jedoch erst wenige Minuten nach diesem Radiosondenaufstieg ein, als die Konvergenzlinie Wien erreichte und stationär wurde. Nun waren es noch zwei Stunden bis zum Ausbruch des Unwetters. Vermutlich konnte bis dahin der Taupunkt in der gesamten Grenzschicht auf nahe 20°C steigen und auch die abgehobene Mischungsschicht darüber ausreichend erzwungene Hebung und damit Abkühlung erfahren, um den Deckel wesentlich zu schwächen. Somit halte ich finale CAPE-Werte von 2500 bis 3000 J/kg für realistisch, wie sie nur äußerst selten auftreten.
Inzwischen erinnerten mich die Ereignisse frappierend an das „Fanzonen-Gewitter“ des Vorjahres; auch damals war nach einem wolkenlosem, extrem schwülem Tag eine Konvergenzlinie mit einem ersten, nur ansatzweise heftigen Gewitter zu Sonnenuntergang bis Wien vorangekommen und anschließend zerbröselt, und man wusste nicht, ob das nun schon alles war, bis dann zwei Stunden später der große Gewittersturm hereinbrach. Nicht nur vor diesem Hintergrund rechnete ich inzwischen mit dem Schlimmsten.
Ironischerweise hatten sich die Niederschlagsgebiete bisher fast exakt an die „Vorgaben“ der Prognosemodelle gehalten; die letzten Gewitterreste zogen inzwischen vom nördlichen Niederösterreich nach Tschechien hinaus. Wären die Ereignisse jetzt schon zu Ende, könnte man von einer perfekten Performance der Modelle sprechen – die Ereignisse waren jedoch noch immer erst am Anfang.
Um 20 Uhr lag der Luftdruck in Wien bei 1002hPa, in München bereits bei 1014hPa, womit selbst das heftigste Szenario des polnischen IM-Modells noch weit übertroffen wurde. Jedes neue Gewitter konnte nun eine Druckwelle von ungeahnten Ausmaßen in Bewegung setzen. Der Stein kam ins Rollen.


5. Tennisbälle

Noch während ich auf meinem Aussichtspunkt den farbenprächtigen und friedlichen Durchzug der Gewitterreste bewunderte, intensivierte sich in Bayern ab 19 Uhr ein zunächst unscheinbares Gewitter knapp nördlich des Chiemsees explosionsartig und zog ostwärts, bis es um etwa 19:45 mit einem schier unvorstellbaren Hagelschlag im Grenzgebiet von Salzburg zu Oberösterreich hereinbrach (Bilder) (Bilder) (Bilder) (Bilder) (Bilder). Die größten Hagelschloßen dürften zwischen 8 und 10 cm Durchmesser gehabt haben.
Eine zweite Zelle hatte bereits eine längere Strecke von der Schweiz über den Bodenseeraum zurückgelegt und heftete sich unterdessen mit beinahe messerscharfer Präzision an den Alpennordrand, als hätte es dort tagsüber nie Föhneffekte gegeben; ihre Zugbahn verlief gegenüber dem Vorgänger um etwa 50 Kilometer weiter südlich und hinkte ähnlich weit nach, sodass sie etwas später nach einem zunächst langen Weg über das fast unbewohnte tirolerisch-bayrische Grenzgebiet mit einem ähnlich brutalen Hagelschlag über das Tiroler Unterland, den Raum Lofer (Salzburg) und das Berchtesgadener Land hereinbrach. Die Hagelschloßen scheinen hier nur unwesentlich kleiner gewesen zu sein als beim nördlichen Vorgänger (Bilder).
Als die beiden Zellen das Einzugsgebiet des Salzburger Radars erreichten, hingen ihre Echos in der Höhe mehr als 5 Kilometer weit nach Süden und nach Osten über und zeigten, welch gewaltiger Aufwind den (Hagel-)Niederschlag so lange in der Schwebe halten musste. Ich konnte mich an keine vergleichbaren Radarsignaturen erinnern. Es mussten zwei Superzellen von ungeheuren Dimensionen und Intensitäten sein, die sich hier durch die Landschaft fraßen. Addierte man die Meldungen diverser Krankenhäuser, so wurden mindestens 60 Menschen von den beiden Hagelstürmen verletzt, wobei die Dunkelziffer noch deutlich höher liegen mochte.





Am CHMI-Radarbild von 19:45 (oberes Bild) wie auch auf der Niederschlags- und Windanalyse von 20:00 (unteres Bild) erkennt man die sterbende Gewitterlinie nördlich von Wien, die versandende Konvergenzlinie über dem Wiener Raum und die erste Superzelle, wie sie gerade von Bayern auf Österreich übergreift. Die zweite Superzelle lag noch knapp außerhalb des Bildausschnittes. Die Luftmasse zwischen Konvergenzlinie und Kaltfront war zu dieser Zeit noch immer nahezu ungestört mit schwachem und zwar tendenziell westlichem, aber insgesamt uneinheitlichem Wind, Taupunkten um 20°C und Temperaturen, die von Westen nach Osten von rund 25°C in Oberösterreich bis auf knapp über 30°C im Wiener Raum anstiegen.
So konnten sich die beiden Superzellen fast ohne Abschwächung zügig ostwärts verlagern. Auf ihrem Weiterweg wurde zwar der Hagel langsam kleiner (nicht ohne weiterhin schwere Schäden anzurichten), dafür nahmen die Sturmschäden immer mehr zu. Besonders die nördliche Zelle hinterließ einen Pfad der Verwüstung quer über Oberösterreich mit umgestürzten Bäumen und abgedeckten Häusern, wobei es noch als Glück im Unglück angesehen werden kann, dass sie zuerst die Ballungsräume der Stadt Salzburg nördlich und danach jene von Wels und Linz knapp südlich passierte; besonders in Linz, wo sich an diesem Abend etwa 50.000 Menschen auf einem Straßenkunstfestival in der Innenstadt aufhielten, war eine große Katastrophe in Reichweite.



Bald nach Sonnenuntergang schob sich der Amboss der ersten Superzelle als dunkle Wolkenkante über meinen Westhorizont. Als die Dämmerung fortschritt, setzte auch im Nordwesten über dem Waldviertel wieder zunehmend hochreichende Quellwolkenbildung ein. Sonst verlief die folgende Stunde für mich ausgesprochen ruhig – die bisherigen Gewitterreste zogen nordostwärts ab, und ein Großteil des Himmels klarte wieder auf. Ein Sommerabend hätte kaum angenehmer, friedlicher und wärmer sein können.





Um 21 Uhr hat der Wind im Wiener Raum auf Nordost zurückgedreht, geschuldet offenbar einem letzten „Ausatmen“ der sterbenden vorlaufenden Gewittertätigkeit. Weitere Outflows aus Tschechien sind von Nordwesten ins Waldviertel eingedrungen und erklären die dortigen Neubildungen, die inzwischen beginnende Blitzaktivität zeigten. Die nördliche Superzelle zog unbeirrt über Oberösterreich ostwärts, wobei sie um 20:45 am CHMI-Radar (oberes Bild) die bisher höchste Reflektivität von über 60 dBZ erreicht hatte. Die südliche Superzelle hatte nach ihrem kurzen Abstecher über das Berchtesgadener Land bei Tenneck wieder Salzburger Boden betreten und befand sich am Ende ihres großen Hagelzyklus, bevor sie sich aufgrund ihres zu starken Rechtsausscherens langsam an den obersteirischen Alpen festzulaufen begann, allerdings nicht ohne auch dort noch zahlreiche Sturmschäden zu hinterlassen.
Außerdem hatten sich die beiden Superzellen inzwischen zu einem geschlossenen Niederschlagsgebiet verbunden und bereiteten auch den Brückenschlag zu den Waldviertel-Zellen vor. Das Windfeld schob sich von fast allen Seiten im Wiener Raum zusammen. Bevor der Akku meines Laptops versagte, konnte ich noch die Meldungen von 21 Uhr abrufen – zu diesem Zeitpunkt lag der Luftdruck in Wien nach dem minimalen Anstieg durch die Konvergenzlinie bei 1003hPa, hingegen in Salzburg schon bei 1015hPa. Der Druckgegensatz hatte sich also bereits auf eine Distanz von weniger als 300 Kilometer konzentriert, und mit den Gewittern drang die Drucknase immer weiter ostwärts vor. Das Szenario eines möglicherweise verheerenden Sturmereignisses wurde immer konkreter.

Als die nördliche Superzelle nach 21 Uhr von Oberösterreich auf Niederösterreich übergriff und sich noch 100 Kilometer vor Wien befand, begann sie sich deutlich abzuschwächen. Nach einer hunderte Kilometer langen Strecke auf höchstem Intensitätsniveau schien ihr doch tatsächlich die Kraft auszugehen, wie schon kurz zuvor ihrer südlich nachhinkenden Schwester. Es wirkte fast so wie ein letztes Zögern, ob denn nicht doch noch den Niederschlagsvorhersagen der Modelle entsprochen werden sollte – aber die Entwicklung war längst nicht mehr aufzuhalten.


6. Apokalypse

Um 21:15 sah ich im letzten Dämmerlicht plötzlich im Westen eine Cumulusbank mit unglaublichem Tempo vor dem alten Amboss in die Höhe schießen, bis sie diesen bereits nach wenigen Minuten scheinbar überragte – an der Vorderkante des Outflows der alten Superzelle schien eine explosionsartige Neubildung stattzufinden. Noch bevor die ersten neuen Pixel am Radar auftauchten, waren auch die letzten Zweifel beseitigt: auch Wien würde heute nicht etwa nur einen (stürmischen) Streifschuss, sondern eine volle Breitseite abbekommen.

Auf meinem Aussichtshügel trennte ein kleines Waldstück meinen „Logenplatz“ mit bestem Blick nach Westen vom Unterstand, bei dem es sich genau genommen um eine gemauerte öffentliche WC-Anlage handelte. In der relativ langen dämmrigen Zeitspanne zuvor, in der es nichts zu fotografieren und auch nur wenig zu beobachten gab, hatte ich bereits getestet, wie lange ich vom Schultern von Kamera und Stativ und vom Schnappen der Tasche im Laufschritt bis zum sicheren Unterstand brauchte. Es waren 50 Sekunden. Ich wollte so lange wie möglich Blitze fotografieren und mich erst im letzten Moment aus dem Staub machen. Sicherheitshalber führte ich den gleichen Test noch einmal durch, indem ich das Waldstück außen über eine Wiese umlief für den Fall, dass ich mich aufgrund der Sturmböen nicht mehr durchtrauen würde. Eineinhalb Minuten.
Diese Sicherheitsmaßnahme, die zuerst noch mehr aus Langeweile als aus dringender Notwendigkeit geboren war, beruhigte mich nun ein wenig. Ich führte sie noch weiter, indem ich mir vorsorglich die Stirnlampe aufsetzte und für jeden meiner Gegenstände einen ganz bestimmten Platz aussuchte und ihn mir einprägte. Ich fühlte mich gewappnet, und trotzdem begann mein Herz allmählich bis zum Hals zu klopfen.

Die einzelnen Köpfe der neuen Cumulusbank verschmolzen bald zu einer geschlossenen Wand und bildeten einen eigenen Amboss aus, der sich rasch ausbreitete und aus dem es zu blitzen begann. Waren bisher die Waldviertel-Zellen im Nordwesten für die Blitzshow verantwortlich gewesen, die sich immer besser organisierten und in der fortgeschrittenen Dämmerung bereits 15 bis 20 Blitze pro Minute aussandten, so wurde diesen nun binnen weniger Minuten der Rang abgelaufen.



Als ich um 21:41 dieses Bild schoss, hatte sich die Blitzaktivität bereits zu einem ununterbrochenen Flackern intensiviert. Es mussten zumindest 2 bis 3 Blitze pro Sekunde (!) sein, die die Ambosse von innen erhellten – ausschließlich in Form von Wolkenblitzen, die nur gelegentlich auch kurze Blitzkanäle in die benachbarte Luft ausbildeten. Diese permanenten Blitze waren, wie sich später herausstellte, offenbar so schwach und so hoch oben in den Wolken angesiedelt, dass sie von der Blitzortung nicht erfasst werden konnten und dass auch keinerlei Donner hörbar war. Die gespenstische Ruhe war es, die diesem Schauspiel die Krone aufsetzte. Meine Kollegen, die zu dieser Zeit in den Wetterredaktionen Dienst schoben, bekamen nun laufend Anrufe von Leuten, die sich oft noch 50 Kilometer oder mehr von der Gewitterlinie entfernt befanden und besorgt fragten, was für ein Naturschauspiel sich hinter dem skurrilen, lautlosen Geflacker am Himmel verbarg.



Eine Viertelstunde später, um 21:56, ist die Blitzaktivität aus den Ambossen noch immer ungebrochen heftig, wird aber zunehmend durch Altocumuli und Stratocumuli verdeckt, die sich nun an der Vorderseite der Linie bilden. In etwas größerer Entfernung schiebt sich bereits eine sehr tiefe Wolkenwalze über den Horizont. Noch immer ist kein einziger Blitz aus dem unteren Teil der Gewitterwolken sichtbar und keinerlei Donner hörbar.
In den letzten 15 Minuten begann der zuvor schwache Wind wieder zuzulegen. Er kam nun aus Westsüdwesten und fühlte sich sehr warm und feucht an. Je näher das Gewitter kam, desto weiter entfernt wirkten die Lichter der Stadt auf mich, die gute 100 Höhenmeter unter mir lag. Ich hatte vielleicht zwei oder drei Mal eine annähernd so starke Blitzaktivität erlebt, die jedes Mal ein Gewitter von einer solchen Art angekündigt hatte, die ich auf keinen Fall im Freien erleben wollte – aber das hier schien noch eine Stufe ärger zu sein. Das gemauerte WC-Gebäude, das mir auf diesem ausgesetzten Hügel Unterschlupf bieten sollte, befand sich am Rande des erwähnten Waldstücks, eines sichtlich sturmerprobten Hainbuchenbestandes. Ich hatte die Bäume für nicht groß genug gehalten, um dem Gebäude ernsthaften Schaden zuzufügen, falls sie darauf stürzen sollten. Jetzt, im Angesicht dessen, was wie der Weltuntergang wirkte, war ich mir allerdings nicht mehr so sicher. Ich fragte mich, welcher Irrsinn mich bewogen hatte, mich diesen Naturgewalten so zu exponieren. Die Versuchung war groß, einfach alles fallen zu lassen und hinunter zu den ersten Lichtern der Sicherheit versprechenden Häuser zu sprinten, die höchstens 5 Minuten entfernt waren. Aber ich wusste, dass es nun schon zu spät sein konnte und ich dem WC-Gebäude vertrauen musste, und widerstand dieser Versuchung. In den letzten Minuten vor dem Ausbruch des Unwetters hatte ich einfach nur noch Angst wie selten zuvor in meinem Leben.
Als die noch immer erstaunlich warmen Böen erstmals Sturmstärke erreichten und die fast aufliegende, von der Stadt rötlich beleuchtete Wolkenwalze über die letzten Hügel vor mir hereinbrach, schnappte ich alle meine Sachen und rannte zum Unterstand. Ich hatte zwar telefonisch schon erste Meldungen über die Schäden im Zuge der Superzellen weiter westlich hereinbekommen, aber ich hatte keine Idee, was momentan alles passierte. Ich wusste nicht, dass die Gewitterlinie ganze Waldstriche niedermähte, Ortschaften verwüstete und sogar zwei Hochspannungsmasten eines Stromversorgers knickte, als sie mit Windspitzen über 150 km/h über den Wienerwald und das Tullnerfeld hereinbrach, und noch viel weniger, dass sich am Südrand der Linie sogar neuerlich eine Superzelle befand, deren starker Aufwindbereich sich auf einer Länge von über 20 Kilometern offenbar immer wieder zu einem Tornado mit stellenweise noch höheren Windgeschwindigkeiten verengte, der fast genau auf mich zuzog. Ich hätte noch viel mehr Angst haben müssen.





Von meinem Unterstand hatte ich nur mehr einen Ausblick auf einen kleinen Himmelssektor Richtung Süden und Südwesten, der Rest war durch den Wald verdeckt. Als die Wolkenwalze über mich zog, setzte zu meiner Überraschung nicht sofort starker Niederschlag ein, sondern lediglich erste, zu einer Art Nieseln zerstäubte Tropfen wurden vom Wind herangetragen. Aufgewühlte Wolkenmassen wälzten sich aus Südwesten scheinbar zum Greifen nahe über den Himmel; das zusammen mit der Richtung und Wärme der Windböen ließ mich schließlich ahnen, dass ich mich unter dem riesigen, wohl kilometerweiten Aufwind einer Superzelle befinden musste, auch wenn mein Blickfeld zu beschränkt war, um mich zu vergewissern. Ein tiefes, fürchterliches Brummen und Dröhnen kam auf, das ich zunächst auf den herannahenden Sturm und den Hagel in den Wolken über mir schob, das aber in Wahrheit vielleicht sogar auf den Tornado selbst zurückzuführen war, der möglicherweise genau zu dieser Zeit nur einen Kilometer nördlich von mir zum letzten Mal Bodenkontakt erlangte und eine Schneise in den Wald schlug, die ich erst einige Tage später im Zuge der Schadenserhebungen finden sollte.
Nach vielleicht fünf Minuten – mein Zeitgefühl mochte mich aber auch getäuscht haben – raste endlich die längst erwartete Niederschlagswand heran, löschte die Lichter der Stadt aus meinem Blickfeld und kappte so die letzte optische Verbindung zur Welt dort unten. Ich befand mich nicht mehr unter dem Gewitter, sondern IM Gewitter – ein seltenes Erlebnis, das mir jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut über den Rücken jagen kann. Längst war das Ambossflackern durch die tieferen Wolken verdeckt worden, aber die darauf folgende Finsternis hatte sich als genau so unheimlich erwiesen; als nun endlich aus Westen die ersten „herkömmlichen“ Blitze mit krachendem Donner wahrnehmbar wurden, war das, so absurd es klingen mag, geradezu eine Erleichterung, weil es diesem Gewitter, das alle meine Vorstellungen sprengen zu wollen schien, einen Hauch von Normalität zurückgab.
Bevor ich die Türe meines WCs schloss, sah ich noch, wie die erste Orkanböe die Bäume bis fast zum Boden niederpeitschte. Die erste Niederschlagswelle prallte mit der Wucht eines Wasserwerfers auf meinen Unterstand und brachte die Wände zu Zittern. Mit der zweiten Welle kam der Hagel – die meisten Körner waren rund 2 cm groß, lediglich anhand der Geräusche konnte ich ahnen, dass auch seltene größere Kaliber darunter gewesen sein mussten. Das Trommeln des Niederschlags, das Heulen des Sturms, das Schaben der gebeutelten Äste am Dach und das Bersten von Holz rundherum verbanden sich zu einer Geräuschkulisse nahe der Schmerzgrenze, nur ab und zu noch übertönt vom einzelnen Knall eines besonders großen Hagelkorns oder vom Krach eines besonders nahen Donnerschlags. Mit zitternden Knien und zugehaltenen Ohren wartete ich auf das Ende des Infernos. Zu dieser Zeit war ich überzeugt, dass es unten in der Stadt Tote geben würde.
Als nach knapp 10 Minuten der Höhepunkt überschritten schien, wagte ich es endlich wieder hinauszublicken. Noch immer regnete und hagelte es aufs Heftigste in die neu entstandene See- und Sumpflandschaft vor meiner Tür, und der Sturm brüllte fast unvermindert weiter. Im gedämpften rötlichen Lichtschein der Stadt und in den gelegentlichen grellen, bläulichen Blitzen konnte ich schemenhaft erkennen, wie noch immer abgerissene Äste aus dem Waldstück als schwarze Schatten über mich hinweg huschten und geräuschvoll zu Boden gingen.

Es war nicht der Sturm alleine, nicht die Intensität des Niederschlags alleine und nicht der Hagel alleine, der dieses Gewitter in der Wahrnehmung vieler Wiener zum „schlimmsten Unwetter“ ihres Lebens machte – es war das gleichzeitige Auftreten von alledem. Die Windspitzen erreichten auf der Hohen Warte 112 km/h, in Schwechat 115 km/h und an den anderen Wiener Stationen kaum weniger. Binnen Minuten wurden zumindest hunderte Bäume zur Gänze umgerissen und unzählige weitere so schwer beschädigt, dass sie an den Folgetagen gefällt werden mussten. Der Kern des Niederschlags zog über die nördliche Stadthälfte hinweg, wo der Hagel 3 bis 4 cm groß war und ausreichte, um Fensterscheiben einzuschießen und Bäume teilweise zu entlauben. Binnen 10 Minuten fielen etwa in Mariabrunn (südlich von meinem Standort) 17 mm, in Donaufeld 25 mm und auf der Hohen Warte sogar 30 mm Niederschlag – man darf aber nicht vergessen, dass diese Messungen bei Mittelwinden von teilweise über 50 km/h stattfanden, was die effektive Auffangfläche der Niederschlagsbecher verringerte. Die realen Intensitäten mussten noch wesentlich höher gewesen sein. Besonders die leicht abschüssigen Straßen der Wienerwald-Bezirke im Nordwesten der Stadt wurden von regelrechten „Flash floods“ durchströmt. Dieses unglaubliche Youtube-Video aus der Gentzgasse in Wien-Währing gibt einen Eindruck davon, was sich in den Wiener Straßen in den 10 bis 15 Minuten, die dieses Unwetter dauerte, abspielte.


7. Epilog

Die Gewitterlinie zeigte noch keine Anzeichen von Schwäche, als sie weiter Richtung Slowakei zog. Die Messungen der letzten österreichischen Station, die getroffen wurde, waren gleichzeitig die beeindruckendsten – Zwerndorf an der March (Niederösterreich) meldete 20 Minuten lang einen Mittelwind (!) von 85 km/h, und auch die Spitzen von 132 km/h kamen nahe an den absoluten Höchstwert von 137 km/h heran, der zuvor in Tulln registriert worden war. Bevor die Orkanböen aus einer Richtung von etwa 300° hereinbrachen, gab es auch in Zwerndorf, so wie an meinem Standort und an anderen Stationen nahe dem Südrand der Gewitterlinie, in den letzten 20 Minuten auffrischenden Wind aus 250° mit nochmals leichtem Anstieg von Temperatur und Taupunkt, was möglicherweise auf eine erneute Re-Organisation der Superzelle an der Südflanke des Systems hindeutete. Auch die massiven Sturmschäden in diesem Gebiet könnten also zu einem (kleinen) Teil auf einen Tornado zurückzuführen sein; der gleiche Verdacht besteht auch bei der oberösterreichischen Superzelle zuvor. Da die Trennung der Schäden eines möglichen Tornados von den Schäden eines Downbursts bei so hoher Zuggeschwindigkeit sehr schwierig ist und die betroffenen Flächen so groß sind, wird sich das leider niemals eindeutig klären lassen.



Ich habe mich seither der Schäden im Wienerwald angenommen. Aufgrund der großen betroffenen Fläche erstreckten sich die Untersuchungen über Wochen. Wie erwartet ergaben sie die Spur eines riesigen Downbursts mit Windspitzen im oberen F1-Bereich (also zwischen 150 und 180 km/h) im Wienerwald und im Tullnerfeld sowie einem allmählichen Auslaufen im Wiener Stadtgebiet; am Südrand fanden sich allerdings zahlreiche vergleichsweise kleine, scharf abgegrenzte und konvergente Fallmuster, die auf einen Tornado hindeuteten, der auf einer Länge von 20 Kilometern immer wieder Bodenkontakt erlangte und Intensitäten bis weit in den F2-Bereich hinauf erlangte (eine Anfrage an Martin H. zur endgültigen Beurteilung steht noch aus).

Die österreichische Hagelversicherung bezifferte in einer ersten Stellungnahme am Tag danach die Schäden an landwirtschaftlichen Nutzflächen auf mehr als 20 Millionen Euro, was diesen Tag zum teuersten Tag in der 60-jährigen Geschichte des Unternehmens machte. Die Schäden in Wien alleine wurden auf 4 Millionen Euro geschätzt – von der diesjährigen Obst-, Gemüse- und Weinernte der naturgemäß ohnehin kleinen Wiener Landwirtschaft ist also binnen weniger Minuten nicht mehr viel übrig geblieben.
Die Stromausfälle betrafen alleine in Niederösterreich rund 50.000 Haushalte, also grob geschätzt etwa 10% der Bevölkerung, und dauerten teilweise die ganze Nacht an. Nicht einmal die Winterstürme „Kyrill“ (2007) und „Emma“ (2008) hatten ähnliche Auswirkungen gehabt.
Mir ist von nicht vielen Verletzten infolge des Sturms bekannt; offenbar haben die Vorzeichen, vor allem der flackernde Himmel, ausgereicht, dass sich fast alle rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten. Und trotzdem gab es zwei besonders tragische Fälle. Zum einen wurde in der Gemeinde Kracking im Wienerwald eine Autofahrerin von umstürzenden Bäumen in ihrem Fahrzeug begraben und schwer verletzt; die Einsatzkräfte brauchten viele Stunden, um überhaupt zu ihr zu gelangen, da sie die Straße erst von den zahllosen umgestürzten Bäumen, die der Downburst (weiter nördlich) beziehungsweise der Tornado (südlich) hinterlassen hatten, befreien mussten. Und zum anderen wurde an der Alten Donau in Wien ein Mann auf der Flucht aus einem Gastgarten von einem abstürzenden Ast getroffen; er schwebte tagelang in Lebensgefahr und blieb vermutlich querschnittgelähmt.



Als ich kurz nach Mitternacht nach überstandenem Unwetter zu Hause ankam, hatte ich ein „déjà-vu-Erlebnis“: die Straßenbeleuchtung in meinem Stadtviertel war ausgefallen, weil allerorten Zweige und Äste nicht nur auf der Fahrbahn lagen, sondern auch in den Stromleitungen hingen, und nur das Blaulicht von Polizei und Feuerwehr, die mit deren Entfernung beschäftigt waren, blitzte durch die finsteren Gassen. Es war die letzte Parallele zum „Fanzonen-Sturm“ des Vorjahres, dem dieses Ereignis vom Verlauf her so verblüffend ähnlich, aber eben nochmals um einiges heftiger war.


Quellen

GFS-Analysen: Wetterzentrale
Radiosondenaufstiege: University of Wyoming
Niederschlags- und Windanalysen: INCA-System der ZAMG
Radar- und Satellitenbilder: CHMI
Subject Author Views Posted

23.07.2010: ein Jahr danach

Georg Pistotnik 1126 July 26, 2010 03:16PM

Superzellen in der Steiermark und Tornado

Felix 1170 July 26, 2010 04:05PM

Wow, tolle Bilder! Habe schon (via Alois) davon gehört. -oT-

Georg Pistotnik 618 July 26, 2010 04:48PM

23.07.2009: der späte Sonnwendsturm

Georg Pistotnik 2625 July 26, 2010 04:40PM

einfach nur sensationell ...

KarSteN 725 July 28, 2010 10:00AM

Vielen herzlichen Dank!

Marcus Beyer 615 July 28, 2010 10:52PM

die ein oder andere Superzelle...

Felix 637 July 28, 2010 11:10PM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Georg Pistotnik 615 July 29, 2010 09:37PM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Marcus Beyer 613 July 29, 2010 09:42PM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Georg Pistotnik 580 July 29, 2010 09:50PM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Marcus Beyer 633 July 29, 2010 09:53PM

Okee...

Marcus Beyer 602 July 29, 2010 10:00PM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Georg Pistotnik 572 July 29, 2010 10:00PM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Johannes 576 September 02, 2010 01:18AM

Re: Vielen herzlichen Dank!

Christoph 573 September 03, 2010 06:45AM

Ja, genau so war es gemeint! -oT-

Georg Pistotnik 548 September 03, 2010 12:13PM

Re: Ja, genau so war es gemeint! -oT-

Johannes 587 September 06, 2010 03:24PM

Re: Ja, genau so war es gemeint! -oT-

Christoph 562 September 07, 2010 07:03PM

Ihr habt Mail! -oT-

Georg Pistotnik 601 September 08, 2010 03:58PM

Re: 23.07.2009: der späte Sonnwendsturm

MESOSCALE 617 August 31, 2010 09:43PM

Re: 23.07.2009: der späte Sonnwendsturm

Christoph 598 September 03, 2010 06:54AM

Re: 23.07.2009: der späte Sonnwendsturm

Friedrich Föst 615 September 10, 2010 04:14AM

...absolute Weltklasse! (tu)

Georg Haas 570 September 10, 2010 09:56AM