Kevin allein Teil 3 – WB zum geschichtsträchtigen 11. September 2020

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      BibertalerBibertaler
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      Servus zusammen,

      Es ist zwar noch nicht Weihnachten, aber beim Anblick auf die aktuelle Großwetterlage könnte man eine wunderbare Überschrift untertiteln: Kevin allein in Europa. Nach Teil 1 und Teil 2 eine wenig unterhaltsame, wenn nicht gar langatmige Vervollständigung der Kevin’schen Trilogie. Da muss es an diesem Wochenende doch noch was anderes im Programm geben. Im Ersten läuft – ebenso wenig stimmungserhellend – die aktuelle Coronalage. Das in Österreich seit letztem Freitag begonnene Ampelsystem lässt heute um 11 ein paar Gebiete auf Gelb – Stufe zwei der vierfarbigen Ampel – umschalten. Innsbruck kommt neu dazu, in Wien schlechtäugeln manche Politiker bereits mit orange – also Stufe 3. So wichtig das Thema ist, gibt’s nicht noch was anderes … was spannendes … was zum Spielen … und Schokolade – „esst lieber mal ‚nen Apfel“ tönt es aus dem Ratgeber Garten auf dem SWR, kurz nach der Info, dass schon das dritte Jahr in Folge trockene Böden wahnsinnige Probleme bereiten. Unentschlossen zappen wir uns weiter durch das Programm. Auf FeuerNews kommen ununterbrochen Feuermeldungen mit spektakulärem und erschütterndem Bildmaterial von überall auf der Welt, egal ob homogenitus oder nicht – vor allem aber aus Übersee. Eins weiter kommt auf dem Lokalsender ServusTirol, wie in einem Stadtteil der eigentlich grünen Landeshauptstadt ein Dutzend Kastanien gefällt werden, die schon da gestanden sind, als noch Kaiser das Sagen hatten, und das nur zum Zweck, um die Umgebung einer gerade im Bau befindlichen Bahnstation zu verschönern. Sender um Sender rinnt an unseren Augen vorbei, eine Doku nach der anderen, von schmelzenden Polen und noch nie so früh im Jahr mit R anfangenden Hurricanes über Prominente, die man besser nicht kennen sollte, zu Geschichten der Geschichte, die sich immer zweimal wiederholt, einmal als Tragödie, einmal als Farce. Niedergeschlagen und mit leichtem Kopfschütteln kehrt man wieder zum Ursprungssender zurück und denkt sich, naja, zumindest muss man nicht viel überlegen, lehnt sich zurück und lässt sich berieseln. Mittlerweile ist Kevin schon in den Vorbereitungen für seine Streiche angekommen, um mögliche Einbrechversuche abzuwehren. Großartig professionell sind diese nicht, aber beim Anblick schießt einem sofort ein Satz in den Kopf – der Teufel steckt im Detail – und damit herzlich Willkommen zur heurigen Kevin-allein-in-Europa-WB.

       

      Jeweils Vorhersagekarte für Bodendruck und Fronten für Freitag 12 UTC und Samstag 12 UTC (Quelle:wetterpate.de, FUBerlin, DWD)

      Großwetterlage und Wochenendablauf
      Wie schon erwähnt, wir haben es bei der aktuellen Wetterlage mit Kevin zu tun. Das Hoch, das heute Mittag noch über der letzten Diktatur Europas liegt und zumindest in dieser Hinsicht für Ruhe sorgt, zieht sich aber langsam weiter nach Osten zurück. Zu erkennen ist aber noch eine Art Hochdruckbrücke die quer über Mitteleuropa auf den Atlantik reicht. Von dort kommt unser nächster Wetterakteur. Die „Einbrecher“, die in unserem Falle eigentlich „Einbrecherinnen“ sind und einen Namen tragen, liegen allesamt über Nordeuropa. Tief Pia liegt bereits im Keller auf dem Rücken, voll mit Farbe und macht nicht mehr viel. Quinta hat uns ja vor ein paar Tagen schon besucht und schleppt sich mit letzter Kraft Richtung Weißes Meer, um sich den Teer und die Federn abzuwaschen. Das neuere Tief Renate wird etwas interessanter. Zwar hat sie bei ihrem Eintritt ins Haus ein Rohr an den Schädel bekommen und sieht daher doppelt, aber zumindest kann sie uns mit ihren Ausläufern noch beschäftigen.


      GFS- Geopotenielle Höhe mit Isotachen auf 300 hPa (Quelle ertel2.uibk.ac.at, ACINN)
      Gut zu erkenne ist der Jet nördlich von uns, sowie die Tiefs im Norden und auch die zwei Tiefsysteme über dem Ostatlantik, dass uns dann MItte der kommenden Woche erst interessiert, und das Mittelmeertief, welches vom Hoch bis zur Wochenmitte Richtung Alpen gedrückt wird und dann für Schauer sorgen wird.

      Diese Ausläufer sind genauer gesagt eine Kaltfront, die heute Mittag noch über Irland zu liegen kommt und sich bis Samstagmittag nach Deutschland verlagert. Die Auswirkungen halten sich aber in Grenzen und können gut an den Ausmaßen des zugehörigen Troges gesehen werden. Auswirkungen daraus wird man am ehesten noch in Berlin in Form von durchziehenden Wolkenfeldern haben, wirklich relevante Wetterzustände sind nur vom Emsland bis zur Ostsee zur erwarten. Sonst bleibt es in fast ganz Mitteleuropa heiter mit viel Sonnenschein und vor allem trocken. Wetterzustände können daher für den Samstag nahezu überall auf 0/0, Böen auf 0 und Niederschlagsmenge auf -3.0 gesetzt werden. Die einzigen beiden Ausnahmen sind Zürich und Innsbruck. Bei ersterem stellt sich für den Vormittag die Nebelfrage, dazu können unsere Zürcher Experten gern mehr dazu Auskunft geben. Und bei Innsbruck ist das Wn noch unsicher. Vom Schweizer Jura bis zur Donau im Nord und von den Westalpen bis zu den Julischen Alpen bei Slovenien ist bei leicht labiler Luft (Liftedindex bei -2 bis -3) etwas CAPE in der Luft, dass aus den Quellwolken stellenweise auch Schauer oder Gewitter werden können, weiter unterstützende Scherung fehlt jedoch. Gegen Mittag geht es in den Bergen mit den ersten aktiven Schauern los, zumindest laut EZ und GFS, auch Icon-Eu zieht mit. Euro4 erleichtert die Entscheidung wieder, da die Zellen wegen nicht vorhandener Höhenströmung kaum ziehen werden und daher über den Bergen bleiben werden. Sollte sich an der Nordkette etwas bilden, stehen sie Chancen gut, sonst wird es schwierig. COSMO-DE und Arome stehen auf Seiten von Euro4 mit Schauern über den Stubaier und Tuxer Alpen sowie im Karwendel. Arome sieht es sogar so harmlos, dass auch das schon zu viel ist. Die Frage ist also 8/9 oder doch 0. Je nachdem muss die Regenmenge angepasst werden. Größere Mengen sind aber laut GFS niederschlagbaren Wasser nicht zu holen. Nach Sonnenuntergang fallen die entstandenen Zellen aber mangels Antriebes rasch in sich zusammen. Das war auch schon das Spannendste zum Samstag und wäre ein idealer Zeitpunkt für eine kurze Werbung, um kurz das zu machen, was man in Pausen sonst auch immer macht.
      Den Sonntag können wir ziemlich kurzhalten – steigender Luftdruck in Größenordnung 5 hPa lässt auch letzte noch quellen wollende Quellwolken meist schnell in sich zusammenfallen. Übrig bleiben zu Tagesbeginn stellenweise etwas Nebel im Schweizer Mittelland und ein paar hohe Wolkenfelder, die für hohe Bedeckungsgrade in Berlin und Leipzig zur Folge haben. In den Alpen sieht das je nach Modell anders aus. Da darf jeder das Modell seiner Wahl bevorzugen

      GFS Temperatur auf 850 hPa für Samstag und Sonntag gegen 15 UTC zur wärmsten Zeit zum selber runterrechnen. IN Berlin und Leipzig reicht die Durchmischung eher nicht so hoch, dazu empfele ich die Soundings unter Wetterdaten. Und Liebe Zürcher, ich weiß wo Zürich liegt, aber wenn ich auf Zürich klicke, überdeckt es Innsbruck. Die Temperatur ist jedoch auch im Südschwarzwald gleich zu euch, von daher nicht irritieren lassen 😉

       

      Die Städte im Einzelnen
      Berlin: Ganzwöchenendlich trocken mit entsprechenden trockenen Wetterzuständen und nicht vorhandenen Böen bei 25 bis 27 Grad. Punkte kosten vor allem die Bewölkung und die Sonnenscheindauer am Sonntag. Windtechnisch sind an beiden Stationen aufgrund südwestlichen Windes keine Wärmeinsel bedingten Überraschungen zu erwarten.
      Leipzig: Ebenso trocken wie Berlin, auch hier entscheidet die Bewölkung am Sonntag am stärksten. Höchstwerte knapp über 26 Grad bei südwestlichem Wind. Frage an die Leipziger Lokalexperten – Nebel auf Samstag bei stärkerer Abkühlung?
      Wien: Sonne, Sonne Sonnenschein – was will man in Wien auch anderes erwarten. Dazu sommerlich warm bei 27 Grad am Samstag, am Sonntag nochmal 1-2 Grad mindestens drauf. Wind zunächst aus Südost, in der Nacht auf Sonntag dann auf Nordwest drehend, von der Stärke her aber gleichbleiben schwach und böenlos.
      Zürich: Nebelrisiko kann man eher nicht sagen, Antinebelrisiko trifft schon eher. Die Frage ist, wie lang er sich hält. Die Sonne ist an sich noch stark genug, um ich zeitig aufzulösen. Daher nor für den Vormittag relevant und nachmittags viel Sonne bei nur wenigen Wolken. Am Samstag schwacher Nordwestwind, am Sonntag dann etwas stärkerer Nordost, aber auch nicht sonderlich beeindruckend.
      Innsbruck: Schauer/Gewitter oder nichts am Samstagnachmittag/Abend, sonst sehr freundlich bei 26 bis 27 Grad mit viel Sonne – am Samstag etwas weniger wegen der stärkeren Bewölkung. Sonntag dann trocken bei nur wenigen Wolken und noch etwas wärmer. Windtechnisch sollte das Alpine Pumpen für schwachen Ost ausreichen.

      GEFS Für Berlin links und München rechts (stellvertretende für den nördlichen Alpenraum) (Quelle: Meteociel.fr, MeteoFrance)

      Ausblick
      Bei diesen Luftmassen wundert es nicht, dass wir schon wiedker in den 30ern landen. Die 30 Grad im Südwesten sind aber nur der Anfang. In der Hochdruckbrücke nach Kevin steht schon der Kevinnachfolger fest: Hoch Leiki wird uns den Spätsommer pur liefert – wovon Antenne Bayern vermutlich noch zum Jahreswechsel profitieren wird, schließlich ist dessen Moderator der Namensgeber. Bis zur Wochenmitte nimmt die Temperatur in der unteren Atmosphäre weiter zu. Im Südwesten und Süden sogar wieder bis 20 Grad auf 850 hPa. Auf die entsprechende Höhe heruntergerechnet sollten 33 bis 34 Grad örtlich drin sein. Im GEFS ebenfalls zu erkennen sind die Unsicherheiten beim Niederschlag. Nach den in München am Samstag  auch im GEFS angedeuteten Schauer und Gewittern bleibt es Danke Leiki im Alpenraum bis zum Mittwoch frei von jeglichem Niederschlag. Spannend wird es erst danach, dann kommt zumindest in und um die Alpen herum wieder etwas Labilität ins Spiel. Mit sinkenden Temperaturen in der Höhe aufgrund des Troges, der vom Hoch über Osteuropa von Italien Richtung Alpen gedrückt wird, bilden sich wohl vermehr Quellwolken und daraus Schauer und Gewitter. In Kombination mit weniger Sonnenstunden, werden die Höchstwerte auf der Jahreszeit eher gerechte Werte von 20 bis 25 Grad sinken. Für Berlin und Leipzig gehen die Temperaturen etwas schneller nach unten. Mit nordöstlicher Strömung drückt sich kühlere Luft durch die Hintertüre nach Mitteleuropa. Ob diese den Trick mit der glühenden Türklinke übersteht, bleibt abzuwarten. Einzelne Extreme gehen auf tiefe einstellige Werte auf 850 hPa über Berlin, im Mittel pendelt es sich aber bei 10 Grad ein, ein passabler Wert für September. Einziger Wehmutstropfen – Tropfen gibt’s wohl keine. Bis auf wenige Ensemblesmembers zeigen sie es weiterhin trocken – mit etwas Pech schlägt ein weiterer, zu trockener Monat in die Dürrebilanz ein, aber wie schon geschrieben, bis dahin ist noch einiges an Zeit. Daher nicht verzagen.

      Zum Abschluss vielleicht noch etwas Unterhaltsames: 1989 gab es eine Anzeige einer betagten Dame, angeblich aus Darmstadt, die sich wegen eines Begriffs diskriminiert fühlte, der bei uns bald in aller Munde sein könnte. Sie fühlte sich nicht nur als Frau, sondern auch wegen ihres hohen Alters diskriminiert – die Rede ist vom Altweibersommer. Das was wir aktuell vor uns haben, ist erst die zweite Wärmephase im September, aber wenn die Tage weiter kürzer werden, die Spinnen an ihren Fäden durch die Lüfte segeln und der Tau an diesen Fäden grausilbern glänzt, wird es wieder soweit sein, dass man vom Altweibersommer sprechen kann. Bis dahin genießen wir die kommenden warmen Tage, bevor es allzubald wieder in die schlecht durchlüfteten Räume und Richtung Winter geht – nicht umsonst startet der Stubaier Gletscher in 2 Wochen in die Wintersaison; und drei Monate später läuft uns auch schon wieder Kevin erst allein zu Haus und dann allein in New York im Fernsehprogramm über den Weg – wollen wir hoffen, dass das dann nicht auch in Realität nochmal soweit kommt. In diesem Sinne euch allen ein schönes Wochenende, bleibts gesund und lasst von euch hören, wenn ihr gute Details gefunden habt, die ihr mit allen teilen wollt.

      Viele Grüße aus dem mittlerweile gelben Innsbruck
      BIbertaler

       

      PS: Zum Abschluss noch die Rauchentwicklung vom 5. bis 10. September über der Amerikanischen Westküste. Man sieht gut, wie mit der Winddrehung das Drama erst richtig losgeht – Fortsetzung mehr als wahrscheinlich (Quelle: https://worldview.earthdata.nasa.gov/)

      • This topic was modified 1 week ago by BibertalerBibertaler.
    • #15595
      NikosikNikosik
      Moderator

      Vielen Dank für deine schöne und ausführliche Wetterbesprechung, Bibertaler! Sehr schön fand ich auch die Einleitung mit dem Zapping durchs Fernsehprogramm.

      Viele Grüße
      Niko(sik)

    • #15596
      PfingstochsePfingstochse
      Participant

      Hallo Bibertaler,

       

      vielen Dank für diese tolle und genüssliche WB. Liest sich wie ein Roman 🙂

      Gruß und ein schönes WE….Ralf

    • #15597
      KaltlufttropfenKaltlufttropfen
      Participant

      Vielen Dank für die klasse WB! Einsame Spitze!

      Gruß in die Runde

      Michael

    • #15598
      GeorgGeorg
      Keymaster

      Hallo Alex,

      herzlichen Dank für die herausragende WB. Weltklasse Infotainment! Die Geschichten rund um “Georg – Allein  zu Haus” wären doch ein Thema für das nächste Schnitzel-Event. 😉

      Viele Grüße,
      Georg

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